Soloproben

Klar, also eigentlich sind wir als Chor, oder als depressive Emo- Abbilder auf der Bühne ein super Team und müssen zwangsläufig zusammenhalten, um als ein Winterreise- Ensemble zu fungieren. Pädagogischer Teil hiermit abgeschlossen. Trotzdem gibt es im Winter- Wonderland des Grauens einige Aktionen bestimmter mehr oder weniger schwarzmalerischer Personen, bei uns auch Solisten genannt, an welchen bei diversen Extraproben, vor oder nach der regulären Probenzeit, genau dran gefeilt wird.

 Nachdem also der Großteil deiner Freunde oder netten Bekanntschaften nach einer ohnehin schon anstrengenden Probe, munter den Ort des Geschehens verlässt, lässt du dich neben deine Tasche sinken und greifst im Idealfall zu Wasserflasche, um auf weitere Instruktionen zu warten. Dann wird natürlich ganz nüchtern und ernsthaft geprobt und jedes kleinste Problem ausdiskutiert. Da die Crème de la Crème des Chores, alle Solisten in einem Raum versammelt sind, wird niemals etwas
schiefgehen. Okay, aufhören bitte! Tatsache ist, dass bei diesen Szenen jeder Handgeriff sitzen muss, immerhin stehst du alleine oder mit Depri- Geselle vorne auf der Bühne, während dir ungefähr 500 interessierte Augenpaare zuschauen. Demnach ist diese Veranstaltung vor allem dafür vorgesehen, dass du dich in deiner Position sicher fühlst und sich alle deine Frage klären, der normale Probenverkehr jedoch nicht aufgehalten wird. Es werden Dinge geändert, über den haufen geworfen und komplett gestrichen.
Es knallt, wird geweint, Ohrfeigen werden verteilt und es wird viel hingefallen. Dabei wird explizit auf dich geschaut und deine Fehler werden korrigiert. Keine Angst! Kritik hat noch keinem Darsteller geschadet! Außerdem ändern 50% aller Regisseure ihre Meinung fast stündlich oder zumindest probentlich. In diesem Sinne: Alles klar, funktioniert das für euch, oder noch Fragen?
FOTOS ©2017

Volker Essler

Der Wanderer zu Besuch

Allmählich breitet sich knisternde Spannung bei den Proben aus, denn wir schreiben Premiere – 2 Woche. Deswegen wird es auch langsam zwischen Chor und Tenor- Wanderer Christian Georg Zeit, sich aufeinander einzuspielen. Als besagter König der Emos den Raum endlich betrat, konnte er zumindest sicher sein, dass jedes vorher auch noch so versteckte Augenpaar sofort auf ihm ruhte. „Wie ihr seht haben wir heute Besuch von unserem Tenor, der ab jetzt mit uns proben wird.“
Applaus, Applaus! Ach nee, vielen Dank auch! Ohne diesen Hinweis hätte ich unseren Hauptdarsteller bestimmt nicht erkannt… Sorry. Den Unterschied, welcher mithilfe von Christians Anwesenheit verursacht wurde, war beim anschließenden Durchlauf auch direkt spürbar. Geil! Wenn wir vorher also (in manchen Augen relativ sinnfrei) einfach nur so zum Spaß, weil die Winterreise auch so unfassbar lustig ist und weil das der Typ mit Sonnenbrille, der immer vorne an diesem komischen Tisch sitzt gesagt hat, bei einem beliebigen Lied, böse in die Mitte starren und auch dorthin zeigen sollten, weil da angeblich jemand stehen sollte… So steht dort jetzt wirklich jemand. Darauf ein Halleluja!
Das Puzzle setzt sich also Teilchen für Teilchen zusammen, nicht nur weil wir jetzt endlich ein Emo- Wanderer- Spielzeug zum (an)spielen bekommen haben, nein, auch musikalisch wird es immer spannender. Der personifizierte Tod, alias Tobias unser Saxophonist, sowie unsere Cell- und Harfisten, gesellen sich langsam zu unserer kleinen Winterreise- Selbsthilfegruppe dazu, sodass eine Probe, auf einer eigentlich recht ernüchternden Probebühne nicht nur zu einem einzelnen Erfolgserlebnis führt, sondern auch Gelegenheit für einen interessanten, manchmal auch zukunftsweisenden Austausch zwischen Nachwuchs und Künstlern führen kann.
  
Fotos © 2017 Essler

In einem Land aus pinken Bommeln und schwarzen Fetzen

Da allmählich schon der Endspurt eingeläutet werden kann, wird es höchste Eisenbahn, sich auch äußerlich gesehen um das richtige Emo- Equipment zu kümmern. Demnach gilt es 75 Jugendliche depressiv- getreu anzukleiden und nach Strich und Faden zur Anprobe einzuladen, Jene kann auch gerne mal zum Abenteuer werden. Für die absoluten Neulinge oder Schnellwachser unter uns stellt sich zunächst die Frage nach dem Wie (groß bist du?), denn es müssen Maße genommen werden, um auf gut Glück potentielle Emo- Verzierungen zu finden. Anschließend folgt die Frage nach dem Wo (muss ich hin?). Die Heimat der Schneider, bzw. der Ausstatter, in unserem Fall die Heimat der lieben Lisa befindet sich ganz oben: Bühneneingang rein, geradeaus, Soloflur hoch, Maske hoch und angekommen! Glückwunsch, 1/3 des heutigen Sportprogramms ist abgeschlossen- die anderen 2/3 folgen dann während des Anprobierens!
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By the way: Willkommen in Frankensteins Labor der Kostüme! Gibt nicht- gibts nicht, heißt dann wohl das Motto! Ob funkelnde Pailletten, Schuhe in jeder Variation, oder die Kostüme aus anderen Produktionen- hier ist wohl für jeden Etwas dabei! Schau, das Kleid von Evita! Außerdem bietet sich eine erste Gelegenheit, die im Flur verteilten Kostüme der Anderen zu bestaunen. Der Rock ist aber geil! Nun stellt sich die Frage nach dem Was (soll ich anziehen?), diese Entscheidung wird dir zum Glück abgenommen und du findest dich in einer kleinen schnuckligen Garderobe mit noch mehr Krimskrams wieder. Ein Karton mit Barock Schnallen, echt jetzt? Komisch, also ich sehe irgendwie nur noch schwarz und pink.
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Spätestens ab diesem Moment solltest du dich mindestens für die nächsten 20 Minuten an den Gedanken gewöhnen, dass zwei bis drei dir mehr oder weniger vertraute Gesichter um dich herumspringen, dir während des Umziehens zuschauen und dir spätestens alle zwei Minuten, je nach Wahl, eine andere pinke Strumpfhose, einen zerfetzten schwarzen Rock und stylische Nietenschuhe in die Hand drücken, oder dir einen fluffigen Bommel zum Verlieben irgendwo an dich dranheften. Vorsicht vor der Sicherheitsnadel- Autsch! Hat auch dein Kostüm, eine kleine persönliche Note erhalten, musst du dich von deinem Emo- Ich schon wieder verabschieden, deine Klamotten wiederfinden, dich im Idealfall umziehen und dem nächsten Emo- Anwärter Platz machen. Aber keine Angst, sollte noch ein Puzzleteil deines Emo- Avatars fehlen, wirst du das schwarz- pinke Wunderland schneller wiedersehen, als du überhaupt „Winterreise“ sagen kannst.
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2 Gedichte von Larissa nach den Proben geschrieben…

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Es ist als wäre ein Steg
über der Stille gemacht.
Ich steh auf dem kalten Weg
alleine und atme die Nacht.

Über mir glühn die Laternen
ihr kaltes Feuer aus.
So weit noch bis zu den Sternen!
Hoch aus dem Himmel hinaus

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2.

Warum ich fort bin?
Fort von ihr.
Und dann wo, wohin?
Nur fort von hier.
Einfach nach draußen.
Ich dachte das reicht.
Mein Herz nur von außen
sehen ist leicht.
Ich dachte da wartet
die Freiheit auf mich
und finde doch immer nur
dich, dich, DICH!

 

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Winterreise in Real Life?

Die Tatsache, dass sich ein Leben auf der Bühne nicht immer so glamourös gestaltet wie es bei Premierenfeiern auf den ersten Blick zu sein scheint, wurde mir wie immer eines samstäglichen und vor allem verschneiten Probenmorgens bewusst, als der Begriff „Winterreise“ auf dem Weg quer durch Bonn mit viel Schmierseifenmatsche zu meinen Füßen, eine völlig neue Bedeutung erhielt.
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Der stürmische Morgen hatte bereits begonnen, als ich mich vor einer Stunde todesmutig aus dem Bett gestürzt und nach einer Katzenwäsche erfolglos nach etwas Essbarem gesucht hatte, während ich meinen Gedanken an eine Gute, aber schlafarme Nacht weiter nachhing- Schuld daran war die unfassbar laut quietschende Wetterfahne auf Nachbars Dach gewesen.
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Beim Blick aus dem Fenster beobachtete ich ein paar gefrorene Eistropfen, welche im Sonnenlicht langsam von einigen Ästen tränten, um anschließend festzustellen, dass bei der Post wieder nichts für mich dabei gewesen war. Wagemutig draußen angekommen kroch mir die kalte Erstarrung unter meine Haut und traf jeden Knochen im Mark. Als wandelnde Eisskulptur, im Schutze der aufgeheizten Bahn, fiel mein Blick auf einen kahlen, einsamen Lindenbaum am Rande der Gleise, als mich ein Rückblick an seinen persönlichen Frühlingstraum von innen wärmte.
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Im Dorfe angekommen versuchte ich mir zumindest ein dezentes Lächeln für den Leiermann am Wegesrand abzuringen und den greisen Kopf vor mir nicht allzu unverschämt von links zu überholen. Nach der Hälfte des Weges, fiel ich schließlich hungrig in ein Wirtshaus ein und stärkte mich endlich für meine weitere Reise.
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Auf dem Flusse, bzw. auf der großen Brücke über dem Flusse, mit einer reißenden Wasserflut zu meine Füßen, lauschte ich fasziniert und leicht geängstigt zugleich einigen Krähen, welche ihre Kreise über mir zogen. Mit dem Bühneneingang in greifbarer Nähe, stieß ich sogleich auf meine liebsten Nebensonnen. Gemeinsam trafen wir auf einen freundlichen Wegweiser, welcher uns vor einer eventuellen Täuschung des Raumes bewahren konnte. Sie haben ihr Ziel erreicht: Probebühne 1 liegt auf der rechten Seite. Nur Mut!
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